Marinekameradschaft Essen-Kupferdreh
und Umgebung von 1912
Marine-Regatta-Verein-Essen e. V.

Klemens und die Bark - Es war einmal ein Virus

Klemens Keysers Liebeserklärung an die Alexander von Humbold II


Bark "Alexander von Humboldt"
"Es war einmal" in der Kieler Förde ein Feuerschiff.
Tags sowieso, und nachts mit seinem Leuchtfeuer, war es ein wichtiger Ansteuerungspunkt.
Damit das bei Seegang auch noch so war, haben die Vorväter einen Segelschiffsrumpf für das Feuerschiff vorgesehen, da dieser den Seegang am wenigsten aufnimmt und das Leuchtfeuer so noch am besten leuchten kann, weil es so am wenigsten wackelt.
Aber eines Tages war es soweit, das Verkehrsaufkommen in der Kieler Förde wurde grösser, und die Gründungsmöglichkeiten für einen Leuchtturm wurden besser, er wurde gebaut, und das Feuerschiff wurde umgebaut, und seiner eigentlichen Bestimmung als Segelschiff zugeführt.
Es entstand die
Bark "Alexander von Humboldt"
als Windjammer für die Jugend.
(Bark, Dreimastsegler, Fock- und Großmast mit Rab-, Besanmast mit Gaffelsegeln — lt. Brockhaus) (Humboldt, Alexander Frhr. von, Naturforscher und Geograph, geb. Berlin 14.9.1769, gest. Berlin 6.5.1859. Nach naturwiss. und Bergbau-Studien - in Freiberg/Sa. trat H. als Bergassessor in den preuß. Staatsdienst und begann dann mit den Vorbereitungen zu einer Expedition - nach Südamerika - lt. Brockhaus)
Diese Konstellation passt auch noch für eine Marinekameradschaft im ehemaligen Pumpenreparaturhaus der stillgelegten Zeche 'Carl Funke'.
Aber was passiert so auf der 'Alex', wie das Schiff liebevoll als Arbeitstitel genannt wird?
Klar ist, dass der Arbeitstitel nicht reicht, es gibt nämlich auch noch den 'Alex-Virus' als Steigerungsform erster Segelerfahrung auf der Alex.
Alle Viren brauchen ein gedeihliches Klima. Der 'Alex-Virus' hat es gleich aus vielerlei Richtungen, indem zunächst das Schiff ehrenamtlich gefahren wird. Kapitän, Steuerleute und Maschinisten sind vom Fach aus der maritimen Berufswelt und haben die 'Alex' zu ihrem Hobby gemacht, was auch an Land und in der Werft umgesetzt wird, wenn 'safety first‘ oder andere Wartungsarbeiten und Optimierungen anstehen, die auf See nicht zu schaffen sind. Das ist ein weites Feld, in welchem sich praktische Erfahrung und Stiftungslogistik mit einem großen Erfahrungsüberschuss ständig durchdringen.
Praktisch sieht das dann so aus, dass ein Segelschiff genau nach Plan und Flugplan eine für die Jahreszeit ideale Route befährt, die in Teilabschnitte eingeteilt ist, die jeweils gebucht werden können. Jugendliche zahlen die Hälfte der für ältere Semester vorgesehenen Tarife und können sich in der Schiffshirarchie gut vom Trainee in allerlei Matrosenstufen steigern, um Verantwortung für die Schiffsführung auf der Basis 'Hand für Koje' übernehmen zu können.


In aller Regel ist so der direkte Vorgesetzte an Bord ein Jugendlicher, der sich durch Führungs- und Sachkompetenz auszeichnet. Es ist nämlich nicht einfach - aber möglich -, die Konstruktionssystematik hinter all den so vielen dicken und dünneren Tampen zu erkennen, die sich in der Höhe der Masten schnell verliert. Auch die Sicherheitseinweisung ist ein weites Feld, und nur ausnahmsweise müssen nicht alle drei Wachen durch alle Notausgänge steigen.
Drei Wachen, 8-12,0—4‚4—8 Uhr fahren jeweils das Schiff einschließlich je 1 Stunde Ausguck und Ruder. Schwund für Backschaft kommt dazu. Wenn dann für ein anstehendes Segelmanöver die Hände nicht reichen - sollten -, kann eine andere Wache, alle Wachen oder beim Wachwechsel die nächste Wache hinzugenommen werden. Das ist ein echter Sicherheitsfaktor, der aber auch zeigt, dass das Schiff ohne den letzten Trainee regulär nicht gefahren werden kann. So gibt es logischerweise keine Liegestühle oder andere Erholungsmöblierung, dafür sehr gute Ernährung und normale Duschen und Toiletten, insoweit doch nicht ganz windjammermässig - sehr komfortabel.
Selbstverständlich wird das Abwasser sehr aufwendig geklärt, bevor es in die See abgepumpt wird.
Sehr windjammermässig ist die dritte Dimension geblieben, der Aufstieg ins Rigg - aufentern würde man es später nennen. Dieser faszinierende Teil geschieht grundsätzlich freiwillig und zunächst in Anleitung eines Matrosen bzw. einer Matrosin - sind alle gleichberechtigt. Das Schiff bekommt eine ganz andere Dimension und auch durchaus Hebelmechanik, wenn die Segel losgebändselt werden müssen oder vor dem Hafen aufgetucht werden. Das ist schon echtere Maloche von früher. Der Steuermann muss davon wissen, denn ein unerwartetes Segelmanöver hat 'oben' besondere Varianten.
Geballte Technik dagegen ist im Kartenraum. Alle sinnvollen Geräte sind z.T. gleich mehrfach vorhanden. Faszinierend ist immer wieder GPS, wenn metergenau die Position angeflimmert wird, was zu Vorväters Zeiten das Problem schlechthin gewesen ist.
Wie gut wäre es, einige Sternbilder zuverlässiger zu kennen. Und wie 'klein mit Hut‘ ist der Mensch in seinem Schiff weit im Wasser und unter dem grandiosen Himmel. Wieviel Können und Mut waren früher für solche Reisen nötig.
Die ' A l e x ' bringt es auf viele Punkte. Mein Punkt war, ein gut konstruiertes und hervorragend gewartetes Schiff gibt die Liebe zum Detail vieler helfender Hände zurück. Fachleute und Laien haben ein gutes und gut ausgerüstetes Werkzeug dafür, 60 Menschen an Bord vernünftig zu behandeln, um sich selbst ein unvergessliches Erlebnis mit dem Schiff, mit der Natur und vielen verschiedenen Menschen mit einer guten Grundgesinnung zu ermöglichen - und davon mitzuteilen. Das war mein Versuch —
Es war einmal ein Virus.
Klemens
(nach 4 Törns auf ' Alex')


Geschrieben von Karin Bruns (16.02.2022)